Gisela Lohmüller: Durch mehr Wissen mehr verstehen

 

Rheine: Miteinander mit Flüchtlingen leben

Durch mehr Wissen mehr verstehen

Rheine.  Für Gisela Lohmüller,  Autorin und engagierte Helferin in der Flüchtlingsarbeit sind „Fremde die Freunde, die sie heute noch nicht kennt“. Schon seit Jahrzehnten ist die gebürtige Rheinenserin als „Brückenbauerin“ aktiv. Für die „boat-people“ aus Vietnam organisierte sie schon in den 1980er Jahren in einer saarländischen Gemeinde nahe der französisch-luxemburgischen Grenze gemeinsam mit der Christlichen Erwachsenenbildung Merzig-Wadern und dem dortigen Arbeitsamt die „Schule im Wohnzimmer“, ein Modellprojekt des Saarlandes. Heute gestaltet sie mit anderen die Arbeit im „Café Welcome“ in Trier und ist überzeugt davon, dass eine gelingende Integration der Flüchtlinge ein unschätzbarer Wert für den Frieden und für Deutschland sein wird.

Gisela Lohmüller verließ 1962 ihre Heimatstadt in Richtung Saarland, studierte Theologie und ist seit 1980 in der Erwachsenenbildung und in der Flüchtlingshilfe tätig. Lange Zeit lebte sie auch in Israel. Auf Einladung des Lenkungskreises „Flüchtlingshilfe Kirchen/Caritas“ berichtete sie jetzt im Paulushaus der Pfarrei St. Dionysius von ihren Erfahrungen.

„Gott liebt die Vielfalt, sonst hätte er sie nicht erschaffen“, getreu dieser Devise geht sie ganz unbefangen mit den Flüchtlingen unter uns um. Und sie ist fest davon überzeugt, dass die allermeisten Frieden und Sicherheit bei uns suchen. Der von einigen propagierten „Islamisierung des Abendlandes“ begegnet die weltoffene Theologin mit der Feststellung: „Muslime fliehen heute oftmals vor dem allzu konservativen Islam zu uns Christen und möchten hier nur als Menschen wahrgenommen werden. Sie suchen bei uns in erster Linie Sicherheit und Frieden“. Das Problem der Flüchtling dabei sei, in eine für sie völlig neue und unbekannte Lebenswirklichkeit zu geraten. Diejenigen, die nur arabisch, afghanisch oder kurdisch sprechen und schreiben können, sind aufgrund unserer völlig anderen Schriftzeichen Analphabeten gleichzusetzen, schreibt Gisela Lohmüller in dem von ihr verfassten Leitfaden für ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in der Flüchtlingsarbeit. Wer das für uns so vertraute Schriftbild nicht beherrscht, kann absolut nichts lesen: keinen Ortsnamen, kein Straßenschild, keine Bezeichnung auf irgendeinem Produkt, keinen Kalender, keine Wochentage. „Es ist für uns kaum vorstellbar, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen bei uns zu kämpfen haben“, so die Autorin.

Ein Miteinander in guter Nachbarschaft werde dennoch möglich, wenn immer mehr Menschen bereit seien, Brücken zu bauen, um den Flüchtlingen die Integration zu ermöglichen. Neben den Sprach- und Integrationskursen seien die auch in Rheine angebotenen Sprachcafés der im Lenkungskreis „Flüchtlingshilfe Kirchen/Caritas“ vertretenen Einrichtungen eine wertvolle Hilfe dafür, unsere Werte, unsere Kultur und unsere Religion kennenzulernen. Gerade der direkte Austausch zwischen den Menschen trage dazu bei,  dass sich Flüchtlinge in unserem Alltag schnell zurechtfinden können.

Wer sich auf die Begegnung mit Flüchtlingen einlasse, erfahre oftmals, dass diese noch „großartige Werte“ pflegen, die in unserer Gesellschaft bereits verloren gegangen seien.  Flüchtlinge zeichneten sich oftmals durch ihren Familiensinn, ihre Gastfreundschaft und das Stehen zur eigenen Religion aus, stellte Gisela Lohmüller in ihrem Vortrag fest. „Wer Integration fordert, sollte sich daher auf einen interkulturellen und interreligiösen Austausch einlassen“. Wer auf einem solchen Weg hartnäckig „Brücken baue“ könne dazu beitragen, Ängste vor Fremden abzubauen und Respekt und Toleranz in der Gesellschaft zu fördern. Ein offener Dialog trage dazu bei, „durch mehr Wissen mehr zu verstehen“.

Foto: Bernd Weber

Die Theologin und Autorin Gisela Lohmüller referierte auf Einladung des Lenkungskreises „Flüchtlingshilfe Kirchen/Caritas“ über ein Miteinander in guter Nachbarschaft.